Ein Kind in der Promotionsphase? 9 Impulse für Deine Familienplanung

Ein Kind während der Promotion – ist das eine gute Idee? Wenn Du Dir diese Frage stellst und Dir die Antwort darauf schwer fällt, geht es Dir wie vielen anderen Frauen. Deine wissenschaftliche Qualifikationsphase fällt zeitlich zusammen mit der Phase eioner möglichen Familiengründung und Du fragst Dich vielleicht, welcher Bereich nun oberste Prirität hat, oder ob Du tatsächlich beides zur gleichen Zeit wagen sollst.

Wenn Du Dir also den Kopf darüber zerbrichst, ob Deine Promotionsphase ein guter Zeitpunkt ist, um ein Kind zu bekommen, kannst Du Dir gewiss sein: Du bist nicht allein mit Deinen Gedanken. Ich möchte Dich in diesem Beitrag einladen, Dir Deine Situation einmal ganz offen anzusehen und Dir mehr Klarheit zu verschaffen.

Kopfzerbrechen: Familiengründung mitten in der Qualifikationsphase?

Es ist absolut nachvollziehbar, dass Du Dir als Promovierende die Antwort auf diese Frage nicht leicht machst. Viele Nachwuchswissenschaftlerinnen empfinden diese Entscheidung als sehr schwierig und nehmen sie als belastend wahr. In einer Studie berichten promovierte Wissenschaftlerinnen und Professorinnen mit Kind:ern rückblickend, „sie hätten sich über den richtigen Zeitpunkt für die Familiengründung den Kopf zerbrochen. Sie hatten ein ausgeprägtes Bewusstsein für negative Folgen im Beruf durch die Familiengründung und Angst vor einem Karriereknick.“[1]

Die Entscheidung ist auch deshalb bedeutend, weil es noch immer ein Risiko für die wissenschaftliche Karriere bedeuten kann, ein Kind zu bekommen. Und noch immer bekommen Mütter in der Wissenschaft Vorurteile zu spüren, etwa bzgl. ihrer Bereitschaft, ihre Promotion ernsthaft voranbringen zu wollen. Die unsicheren Perspektiven aufgrund von Befristungen machen es noch schwieriger, sich auf eine Promotion mit Kind einzulassen. Viele Wissenschaftlerinnen stellen aus diesen Gründen ihren Kinderwunsch zurück.[2]

Doppelte Ungewissheit: Was macht die Entscheidung so schwierig?

Vielleicht schmiedest Du gerne Pläne, bist eine verbindliche Person und fühlst Dich wohl, wenn Du Gewissheit hast über Deine Zukunft und weißt, wo Dein Weg Dich hinführt. Und stattdessen ist gerade höchste Flexibilität gefordert. Denn:

Zitat zur schwierigen Planbarkeit

Schauen wir uns mal an, was in beiden Bereichen eigentlich alles unklar sein kann. Vielleicht stellst Du Punkte fest, die Dich besonders beunruhigen. Notiere sie Dir, sie können Dir wichtige Hinweise geben.

Ungewissheiten in Bezug auf Deine Promotion:

  • Wie viel Zeit werde ich für meine Promotion noch benötigen?
  • Wie lange bin ich noch finanziell abgesichert?
  • Was kommt für mich beruflich nach der Promotion?
  • Wo werde ich in 5 Jahren leben und arbeiten?
  • Wie passen meine beruflichen Ideen und die meines Partners / meiner Partnerin zusammen?
  • Wie wird sich ein Kind auf meine Karriere aus auswirken?
  • Wie wird ein Kind meine beruflichen Leistungen beeinflussen?
  • Werde ich mein Promotionsthema noch interessant finden?
  • Wie werde ich mich als Promovierende fühlen, wenn ich ein Kind habe?
  • Wie sinnvoll ist es, erst die Promotion abzuschließen, bevor ich ein Kind bekomme?

Ungewissheiten in Bezug auf Dein Leben mit Kind:

  • Wann genau werde ich schwanger sein?
  • Wie wird es mir in der Schwangerschaft gehen?
  • Was werde ich noch für die Promotion schaffen, bevor das Baby zur Welt kommt?
  • Wie wird mein/unser Leben mit Baby genau aussehen?
  • Wie werde ich als Mutter fühlen, denken, handeln?
  • Wie werden wir uns als Paar verändern?
  • Wie werden sich meine Prioritäten verschieben?
  • Wie viel Schlaf werde ich bekommen?
  • Wie viel Zeit und Energie werde ich noch für meine Promotion haben?
  • Wie wichtig wird mir meine Promotion noch sein?

Vielleicht hast Du bei einigen dieser Fragen innerlich genickt. Und so sehr ich Deinen Wunsch nach einer Antwort verstehen kann, so bin ich mir ziemlich sicher, dass Du in den meisten Punkten feststellst: Du kannst es in diesem Moment nicht wissen.

Und damit bist Du mitten in dem Abenteuer, Dich auf diese Unsicherheiten und vielleicht eine neue, unbekannte Lebenssituation einzulassen. Solltet Ihr Euch bewusst für ein Kind entscheiden, so wird dies mit hoher Wahrscheinlichkeit eine große Veränderung bedeuten.

Wie geht es Dir damit? Wie gehst Du, wie geht Ihr als Paar, mit diesen Fragezeichen um? Hast Du die innere Zuversicht, dass alles schon einen guten Weg nehmen wird? Oder verspürst Du eher Angst? Natürlich darf auch beides da sein, und noch viel mehr.

9 Impulse für eine neue Perspektive

Ich möchte Dich hier einladen, Dir Deine mögliche Promotionsphase mit Kind einmal aus einem neuen Blickwinkel anzuschauen. Sei neugierig darauf, ob beim Lesen etwas Deine Zustimmung oder Deinen Widerstand weckt und welchem Punkt Du evtl. genauer nachgehen möchtest.

1) Du weißt nie mit Sicherheit, was auf Dich zukommt ­– auch ohne Kind.

Unerwartete Veränderungen können nicht nur durch die Geburt eines Kindes entstehen. Auf Deinem Promotionsweg können plötzliche Wendungen oder Sackgassen auftauchen, die Deine Zeitplanung verzögern. Der Entschluss „Ich beende erst die Promotion, bevor wir in die Familienplanung gehen“ könnte Dich unter Druck setzen, wenn sich Dein geplantes Vorgehen für die Promotion unterwegs ändert.

2) Kinder machen das Leben bunt, intensiv, wundervoll, anstrengend und auch langweilig.

Ganz persönlich gesprochen: Kinder zu haben, ist ein riesiges Geschenk. Sie bereichern das Leben, lassen uns staunen und uns innerlich wachsen. Was auch dazu gehört, aber nicht oft gesagt wird: Der Alltag mit einem Kleinkind kann auch Einsamkeit, Eintönigkeit und geistige Unterforderung bei gleichzeitiger Überforderung bedeuten. „Dabei ist es völlig normal, wenn […] das Dasein mit Baby nicht als erfüllend, sondern langweilig empfunden wird.“[3] In dieser Zeit kann es eine schöne Abwechslung sein, mit der Promotion ein eigenes und herausforderndes Projekt zu verfolgen.

3) Die Geburt eines Kindes lässt uns Vieles neu sortieren.

Ein Kind ordnet das Leben neu. Alte Gewohnheiten werden über den Haufen geworfen, wir sind mit neuen und unerwarteten Fragen konfrontiert, wir brauchen so viel Flexibilität wie nie. Definitiv können sich unsere Prioritäten verschieben. Und kann das nicht auch gut sein? Wenn sich das Anfangschaos legt, wirst Du sehr wahrscheinlich klarer haben, was Dir wichtig ist und wo Du hinmöchtest. Und dann lohnt es sich erst recht, für diese Dinge einzustehen. Es kann sein, dass die Promotion nicht mehr dazu gehört – in diesem Fall ist sie wahrscheinlich auch jetzt bereits mit inneren Fragezeichen versehen.

4) Du wirst kein völlig anderer Mensch sein.

In Ergänzung zum vorherigen Punkt: Ja, wir verändern uns durch eine Geburt. Kennst Du den Satz, dass durch eine Geburt auch die Mutter neu geboren wird? Vielleicht ist es beruhigend für Dich zu wissen: Deine Interessen bleiben sehr wahrscheinlich bestehen, Deine Fähigkeiten werden noch da sein, Du wirst Prioritäten setzen und Deine Pläne verfolgen können. Du bist selbst mit dabei. :o) Wenn Dich Dein Promotionsthema im Moment fesselt, ist es sicher auch mit Kind noch faszinierend für Dich, daran zu arbeiten. (Wenn Du an dieser Stelle zögerst, dann lohnt sich vielleicht ein grundsätzlicher Motivationscheck.) Und Du kannst Dir vorab schon bewusst machen: Was aus meinem aktuellen Leben möchte ich unbedingt beibehalten? Was ist mir wichtig?

5) Mehr „sowohl als auch“ – weniger „entweder oder“

Die Entscheidung für oder gegen ein Kind in der Promotion kann unheimlich viel Druck verursachen. Es fühlt sich belastend an, eine Option wählen zu müssen und es dabei unbedingt richtig machen zu wollen. Und irgendwie sind wir es gewohnt, in „entweder oder“ zu denken. Vielleicht ist es an der Zeit für mehr „sowohl als auch“? Indem Du der Promotion und einem Kind einen Platz in Deinem Leben gibst, schaffst Du Raum, Vielfalt und Offenheit. Für jede neue Herausforderung wird es auch neue Möglichkeiten zur Lösung geben. Als Eltern gewinnen wir jede Menge Problemlösungskompetenzen dazu, die für die Wissenschaft mehr als wertvoll sind.

6) Deine Fragen sind Dein Gestaltungsspielraum

Dass Du Dir Fragen rund um Deine Lebensgestaltung stellst, heißt im Grunde auch: Du selbst hast die Wahl. Ist es nicht ein großes Geschenk, eine Entscheidung überhaupt treffen zu können? Dein Leben zu gestalten heißt auch zu reflektieren, Kraft dafür aufzuwenden, abzuwägen und Dich selbst immer wieder auf’s Neue zu erfinden. Auf der anderen Seite zeugt es von einem hohen Grad an Freiheit. Du darfst agieren anstatt zu reagieren, Du kannst gerade ziemlich selbstbestimmt Deinen Weg gehen. Vielleicht ist genau dieser Spielraum ein Teil Deiner aktuellen Lebensphase, den Du willkommen heißen darfst.

7) Das große Ganze – oder: Leben ist mehr als Promovieren

Wenn Du mal auf Dein Leben über die Promotionsphase hinausschaust: Was ist bereits schon klar? Welche Zukunft siehst Du vor Dir? Was sind Deine großen Ziele? Welche gemeinsamen Vorstellungen habt Ihr, Dein:e Partner:in und Du, vom Leben? Welchen Lebensort kannst Du Dir vorstellen, welchen nicht? Wo und wie möchtest Du auf keinen Fall arbeiten? Und welche Qualitäten möchtest Du schon jetzt in Dein Leben holen, einfach, weil sie wichtig sind und es lebenswert machen?

8) Vertrauen, Mut und Zuversicht

Diese drei Ressourcen finde ich persönlich sehr wertvoll, um mit ungewissen Situationen umgehen zu können. Welche davon brauchst Du gerade am meisten? Mache Dir bewusst, wo und wie Du Dich damit „füllen“ kannst. Wann hast Du sie zuletzt gespürt? Wie kannst Du Dir einen guten Zugang dazu schaffen? Welche Menschen in Deinem Umfeld sind Vorbilder in dieser Hinsicht?

9) Ein Kind zu bekommen, ist eine gemeinsame Entscheidung

Mit diesem letzten Impuls möchte ich Dich ermutigen, die Frage nach einem Kind in der Promotionsphase nicht mit Dir alleine auszumachen. Es ist so wichtig, Deine Gedanken und Gefühle mit Deine:r Partner:in zu besprechen. Denn Ihr bekommt das Kind gemeinsam. Es ist nicht allein Deine Aufgabe, Dich damit auseinanderzusetzen – weder vor der möglichen Schwangerschaft, noch währenddessen, noch wenn das Kind schließlich da ist. Was möchtest Du gerne aussprechen? Was möchtest Du von Deinem Partner wissen? Was bräuchtet Ihr beide, um Euch auf ein Kind während Deiner Promotionsphase einzulassen? Wie stellt Ihr sicher, dass Du Deine Dissertation voranbringen kannst – zu dem Zeitpunkt und in dem Rahmen, in dem Du das möchtest? Klärt Eure Vorstellungen und schaut gemeinsam, wo Eure Reise hingeht. Ich wünsche Dir für diese Reise alles Gute!

Ein Kind in der Promotion: Und wo sind die Nachteile?

Hast Du nach dem Lesen dieses Blogartikels das Gefühl, dass die Nachteile etwas zu kurz gekommen sind? Dass es doch noch mehr negative Aspekte geben muss? Dass Du etwas übersehen hast oder ich etwas vergessen habe?

Ich mutmaße einmal, dass Du die potentiellen Nachteile und Risiken schon ganz klar für Dich hast. Meistens denken wir eher über die negativen Seiten nach und geben unseren Befürchtungen Raum.

Wenn Dich etwas bis zum Ende dieses Artikels geführt hat, dann hast Du möglicherweise bereits den Wunsch, ein Kind zu bekommen. Und dann ist es schön, auch mal ganz ohne Bedenken auf die Situation zu schauen. Ich darf in meiner Arbeit so viele tolle Frauen kennen lernen, die erfolgreich promovieren, Kinder haben und zeigen, dass Wissenschaft und Mutterschaft Hand in Hand gehen können und sich ganz viele Stolpersteine überwinden lassen.

Ein Austausch mit promovierenden Müttern kann ebenfalls hilfreich sein, um Dir eine Vorstellung zu machen. Auch die Erfahrungsberichte hier auf meinem Blog geben Dir einen Einblick, wie das Promovieren und/oder Schwangersein während der Promotion sich anfühlen kann.

Und wenn Du einfach neugierig warst, jetzt gerade skeptisch bist oder bei vielen der Punkte oben ein inneres „Nein“ verspürt hast, dann ist vermutlich das gerade Deine Antwort. Und dann kannst Du vielleicht die Frage nach der Familiengründung für den Moment loslassen und Dich zunächst ganz Deiner Promotion zuwenden.

Was kannst Du tun, um die Frage nach einem Kind während der Promotion für Dich zu beantworten?

In Kürze findest Du hier eine Entscheidungshilfe, die Dir als Grundlage für weitere Überlegungen dienen kann.

Bis dahin ist mein Rat: Gehe mit Deiner Partnerin oder Deinem Partner ins Gespräch, gib‘ der Frage einen Platz in Deinem Leben und höre auf Dein Gefühl.

Wenn Du Dir noch mehr Gewissheit wünscht für Deine Entscheidung oder im geschützten Rahmen Deine Gedanken sortieren möchtest, dann melde Dich gerne für ein Coaching bei mir.

Quellen:

[1] Althaber, A., Hess, J., & Pfahl, L. (2011): Gleichheit im Job – und am Wickeltisch: Kinderbetreuung durch beide Eltern ist für Wissenschaftlerinnen zentral. WZB-Mitteilungen, 133, 34-38. https://nbn-resolving.org/urn:nbn:de:0168-ssoar-308747

[2] Konsortium Bundesbericht Wissenschaftlicher Nachwuchs (2021). Bundesbericht Wissenschaftlicher Nachwuchs 2021:Statistische Daten und Forschungsbefundezu Promovierenden und Promovierten in Deutschland. https://www.buwin.de/dateien/buwin-2021.pdf

[3] Pims, M.: „Oh, Baby, Baby, it’s a Boring World.“ In: Czerney, S. / Eckert, L. / Martin, S. (2020): Mutterschaft und Wissenschaft. Die (Un-)Vereinbarkeit von Mutterbild und wissenschaftlicher Tätigkeit. Wiesbaden: Springer.